Abschlussarbeit vor 20 Jahren: Shared Economy und Social Media noch ohne Internet ersonnen

Manchmal macht es ja Spaß in seiner alten Diplomarbeit zu schnüffeln. Nämlich dann, wenn man zu Begriffen recherchiert, deren Ursprung man selbst bereits vor vielen, vielen Jahren für Zukunftsmodelle herangezogen hat. Konkret: Tauschen als neuer Trend und Kommunikation zwischen Medien und Menschen wird immer wichtiger! Das war bereits vor 20 Jahren mein Fazit, auf das ich eine Konzeption zum „Relaunch der WZ im Jahre 2000“ aufbaute.

Was es damit auf sich hatte? Und wieso ich Social Media schon vor 20 Jahren als Vision hatte? Hier entlang…

Große Hausarbeit – Große Visionen

Im Jahre 1994 legte ich meine Große Hausarbeit zur Abschlussprüfung des Lehrgangs Nr. KW 37 an der Westdeutschen Akademie für Kommunikation in Köln vor – um mich danach „Kommunikationswirtin (WAK)“ nennen zu dürfen. Dieses nebenberufliche viersemestrige Studium ermöglichte mir seinerzeit in die Marketing-Kommunikation (sprich: Werbung) zu wechseln – ein Schritt, den ich nie bereut habe. Kommunikation ist und war mein Thema und mein Berufswunsch – schon seit der Schulzeit.

Thema: Zeitungen im Wandel – Leserbindung über den Jahrtausendwechsel gestalten

Das Potential der WAK-Studenten wurde damals (wie vermutlich auch heute) gerne von Unternehmen genutzt, um neue kreative Ideen anzustoßen und sich davon inspirieren zu lassen. Unsere Aufgabe war es also, ein Kommunikationskonzept zu erstellen. Unter den zur Verfügung stehenden Themen war auch dieses: „Relaunch der WZ 2000 – Entwicklung eines Konzeptes für die Gestaltung, Positionierung und Kommunikation der Westdeutschen Zeitung im Jahr 2000“ für das ich später mit dem 2. Preis und damit einer Prämie von 500 DM ausgezeichnet wurde.

titel_hausarbeit_wz_relaunch_2000_share_economy_1994_m_troyer_pfadeDas Thema sprach mich sofort an. Nun mag man es sich ja heute kaum mehr vorstellen, aber das Internet steckte 1994 noch in den Kinderschuhen. (1993 – etwa 500 Webserver weltweit; 1994 – rund 3 Millionen Internetrechner weltweit lt. Wikipedia) Eine Nutzung zur Recherche? Undenkbar. Auch in unserem Studium war das Internet noch kein Thema. Weder zu Recherchezwecken – noch war es denkbar, dass sich neue Massenkommunikations-Medien darüber entwickeln könnten. Kein Fach unseres Studiums beschäftigte sich damit – auch wenn Crossmedia zumindest im Desktoppublishing schon Thema war.

Social Sharing – als Zeitungs-USP erdacht

Was wir heute unter Shared Economy verstehen, Dinge aber auch Leistungen mit anderen zu tauschen bzw. zu teilen, das war damals schon Teil meines Konzeptes für die WZ.

Warum? Weil es die Quintessenz meiner Analyse zur Ausgangssituation war.

Grundlage für den Medienwandel: Die Gesellschaft und ihre Wünsche

So stellte ich mir 1994 die neue Aufmachung der Titelseite der WZ im Jahre 2000 vor; © Martina Troyer, 1994 - 2015

So stellte ich mir 1994 die neue Aufmachung der Titelseite der WZ im Jahre 2000 vor; © Martina Troyer, 1994 – 2015

Tenor der Analyse: Der Trend in den frühen 2000er Jahren geht hin zu mehr Kommunikation im privaten Umfeld, mehr Austausch mit anderen und Sinnsuche im privaten Glück … „Politikverdrossenheit und Kritik an politischen Persönlichkeiten führ(t)en zu einer emotionalen Distanz von breiten Kreisen der Bevölkerung gegenüber allgemeinen Anliegen der Gesellschaft. Niedrige Wahlbeteiligungen sind nur ein Zeugnis dafür.“

Eine „harte Orientierungskrise in der heutigen Zeit“ bedeute das für die jüngere Generation und „… im Zuge der Informations- und Reizüberflutung durch die Medien lässt sich hieraus schließen, dass man einem Medium, dessen Informationsverbreitung subjektiv als glaubwürdig empfunden wird, in erster Linie Vertrauen schenken können muss.“

Für die Positionierung einer neuen Dachmarke „WZ“ resümierte ich, dass es der Zeitung gelingen müsse, neben einem neuen modernen, zeitgerechten Auftritt mit einer gerade für die junge Zielgruppe adäquaten Ansprache und Informationsaufbereitung andere Maßnahmen – über das Medium hinausgehende Aktivitäten anzuregen, um junge Leser zu finden und zu binden. Dabei muss die Zeitung „ständig mit dem Ohr an der Zielgruppe sein, ganz auf sie ausgerichtet und an deren Bedürfnis der Meinungsbildung orientiert – mit zweiseitigem Informationsfluss“. Sie würde so zum Kontaktvermittler zwischen Zielgruppen und zum Kommunikator mit der Zielgruppe und Vermittler der Zielgruppen untereinander.

So geht Zeitung also im Jahr 2000?

Urkunde: Für die Ausarbeitung gab es den zweiten Preis; © Martina Troyer

Urkunde: Für die Ausarbeitung gab es den zweiten Preis; © Martina Troyer

Ich empfahl seinerzeit bei der Positionierung, die Zeitung als innovatives Medium mit dem Anspruch den Leser nicht nur zu informieren, sondern seinem Freizeitbedürfnis nach eigener Teilnahme am örtlichen Geschehen und seinem akiven Bildungsstreben nachzugehen und dieses zu befriedigen.

In der Zeitung würde der Leser nicht nur zu Wort kommen, sondern gleichzeitig zum Mittelpunkt von Berichterstattung werden können. Gerade junge Leser hätten im „Sprachrohr“ (als neu ersonnenes Ressort) die Chance über für Sie relevante Themen Stellung zu nehmen – das „Bürgertelefon“ der WZ nimmt dazu Wünsche entgegen und die Redaktion plant die Umsetzung von Themen, Interviews und Stellungnahmen.

Den Lokalredaktionen käme somit eine immer stärkere Bedeutung zu, die Redakteure und Reporter werden zum „heißen Draht“ zwischen Lesern und dem Blatt.

Ein Bindeglied zwischen Lesern und Zeitung wäre „Willy Zack“ als rasender Reporter, der die Interessen der Leser für Veranstaltungen vor Ort, für Themen- und andere konkreten Wünsche an die Zeitung in Erfahrung bringt.

Das liest sich im Jahre 2015 so als ob ich hier schon die Kommunikation mit Lesern wie in heutigen sozialen Medien beschrieben hätte (Redakteure und Social Media Manager arbeiten Hand in Hand oder vereinen sich gar im Berufsbild des Online-Redakteurs).

Dass diese Art der Kommunikation letztlich zuerst über das Internet stattfinden würde und nicht über Zeitungen, die damit Kundenbindung auf lokaler Ebene vorantreiben – das hätte ich damals nicht zu träumen gewagt und nicht geahnt.

Leserbindung erreichen: Kommunikation auf Augenhöhe – lokal und  bedarfsgerecht

Daraus entwickelte ich später konzeptionell die WZ-Clubtreffen, die – organisiert über die Lokalredaktionen – die Leser vor Ort finden und binden sollten, egal in welcher Altersgruppe und zu unterschiedlichen Themenbereichen. Unter anderem konzipierte ich eine Tauschbörse:

„Ein Clubabend könnte Tauschbörse genannt werden. Dort stehen Computer bereit, die Interessenten oder Anbieter von […] Gegenständen oder Leistungen gespeichert haben. Gegen eine Teilnahmegebühr von z.B. 5 DM kann dann jeder nachfragen, ob für ihn etwas dabei ist….“

Wenn ich es mir jetzt so recht überlege: Eigentlich habe ich damit die Idee für die ‚Ebucht‘ ersonnen! Umgesetzt hat sie dann ein US-Amerikaner ein knappes Jahr später – im September 1995 – in Kalifornieren. Nun ja, hätte ich mir ja eigentlich ‚denken# können/müssen. ;-)

Und so die Umsetzung nach 20 Jahren…

Besonders bemerkenswert ist für mich aber immer noch: Die Umsetzung der Club-Idee aus meinem damaligen Konzept, welches letztlich sogar von der Westdeutschen Zeitung in Düsseldorf mit einem Preis (für den 2. Platz) ausgezeichnet wurde – erfolgte gerade erstmal vor einem Jahr. Ob man sich da wohl an das erinnerte, was vor gut 20 Jahren eine Studentin der Westdeutschen Akademie für Kommunikation einst ersonnen hatte? Gut Ding will halt Weile haben – richtig? ;-)

Dialog zu Analogem – ohne Spuren im Netz

Wer sich jetzt wundert oder es nicht glaubt: Ein letztes, gebundenes Exemplar meiner Hausarbeit habe ich noch. Völlig analog also – nicht nachlesbar im Netz. Geschrieben auf einem – ja ich glaube es war ein Amiga – und ein geliehenes Vobis Notebook – und gespeichert auf einer Diskette, dann im damaligen Büro zur Druckreife gebracht, im Copyshop vervielfältigt und anschließend gebunden. Studienzeiten eben. Lange her! #hach

Fazit:

Sicher habe nicht nur ich die Ausgangslage damals zwar richtig eingeschätzt, aber die rasante Entwicklung im Zuge des World Wide Web nicht hervorsehen können. Wie auch!

Bedeutend erscheint mir aber, dass Shared Economy und Social Media also keine wundersamen Zeiterscheinungen sind – sie sind eine Entwicklung, die auf gesellschaftlich relevanten Zusammenhängen beruht, die sich um die Jahrtausendwende zunächst in der Dot.com-Blase und später in einer Fülle sozialer Netzwerke ergoss. Der Rest ist eigentlich schon ‚Geschichte‘ – aber eine sehr interessante! Und eine mit Fortsetzung. In Zukunft. Es bleibt spannend ;-)

Haben Sie so etwas auch schon einmal erlebt?  Erinnern Sie sich noch an Hausarbeiten oder Konzepte, die später in Ihrem beruflichen Kontext so oder ähnlich tatsächlich stattgefunden haben? Welche spannenden Entdeckungen haben Sie beim Durchstöbern Ihres Bucharchivs schon gemacht? Und haben Sie den ein oder anderen selbsterstellten Analogfund danach im Netz veröffentlicht?

Ich freue mich auf Ihre Kommentare und den Austausch zu analogen ‚Schätzen‘ in der digitalen Zeit.

 

Ihre Martina Troyer

 

 

 

 

 

 

 

Autor: Martina Troyer

Martina Troyer ist Kommunikationswirtin und freiberuflich als Online-Redakteurin, PR & Social Media Consultant tätig. Sie entwickelt Webstrategien, optimiert Websites, erstellt Corporate Blogs und berät Unternehmen & UnternehmerInnen zu PR, Social Media & Online-Reputation - rund um einen gelungenen Auftritt im Web 2.0. Als Event-Reporterin ist sie mit ihrem Team auf Messen, Konferenzen & Events aus Kultur, Wirtschaft und Unterhaltung unterwegs - mit Social Media & Event-Reportagen. Daneben interessiert sie sich für Event- & Lifestyle-Themen und gibt das Ü30-Online-Magazin ThirtyUp heraus. Einen Überblick gibt's auch auf Martina Troyer zu sehen. Im Web findet man sie auch auf XING, Twitter, Google+ und Facebook.

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